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Interview mit Gynäkologin Dr. med. Sonja Benz: Zeit in der Gynäkologie

  • 15. Mai
  • 7 Min. Lesezeit
Gespräch, Fachinterview, Gynäkologie, Fragen aufmerksam zuhören,


Martina:

Danke, Sonja, dass du bereit bist Fragen aus deiner langjährigen Berufserfahrung als Ärztin zu beantworten. Magst du dich selbst vorstellen?

 

Sonja:

Ja, gerne! Ich war fast vierzig Jahre leitende Oberärztin in einem mittelgroßen Krankenhaus. Wir haben vier Kinder bekommen, eines wurde noch während meines Studiums und drei während meiner Facharztausbildung geboren.

Ermöglicht wurde mir die volle Berufstätigkeit und gleichzeitig große Familie durch meinen Mann, der 7 Jahre mit seiner Berufstätigkeit pausierte und sich voll und ganz um die Kinder kümmerte.

Ich habe immer den Kreißsaal geliebt, er hat mich in das Fach gebracht. Während meiner ersten Famulatur, ein Praktikum im Medizinstudium, habe ich die erste Geburt erlebt; da war es um mich geschehen. Es kam kein anderes Fach als Gynäkologie mehr in Frage.

Nach der Facharztausbildung für die allgemeine Gynäkologie und Geburtshilfe habe mich dann in der speziellen operativen Gynäkologie weitergebildet.

Ich habe mich auch in der Stillberatung weitergebildet (Still- und Laktationsberaterin IBCLC) und das Stillen im Krankenhaus vorangebracht. Unser Krankenhaus bekam die Auszeichnung „babyfreundlich“.

Außerdem entdeckte ich die Haptonomie, eine spezielle Form der psychoaffektiven Begleitung in Schwangerschaft und Geburt.

Mich haben immer die Nischen angezogen. Ich suchte das Normale und Natürliche neben der Schulmedizin. Die sympto-thermale Methode habe ich bereits als Studentin entdeckt. Mein Interesse wurde geschürt durch meinen Ärger über Professoren, die dazu nichts zu sagen wussten. Es gab im ganzen Semester nur eine Vorlesung zum Thema Verhütung. Darin ging es eine halbe Stunde um das Thema Pille und zehn Minuten um „Sonstiges“. Auf meine Nachfrage zur sympto-thermalen Methode kam die Antwort: „Ach, da muss man ja täglich Temperatur messen – das macht eh kein Mensch.“

Ich weiß nicht mehr durch welchen Zufall ich das erste Buch von Dr. Josef Rötzer „Kinderzahl und Liebesehe“ in die Finger bekam. Ich habe mir die Anwendung der sympto-thermalen Methode selbst erarbeitet. Das ging sehr gut, da Dr. Rötzer didaktisch gründlich und klar schrieb. Nach der Geburt des zweiten Kindes habe ich die Multiplikatoren-Ausbildung gemacht. Im Rahmen der Elternschule, die in meinem Ausbildungskrankenhaus angeboten wurde, habe ich immer einen Abend zum Thema sympto-thermale Methode angeboten.

 

Mein Mann und ich haben gut damit gelebt, es hat wunderbar funktioniert. Ich bin immer gleich schwanger geworden, wenn wir uns wieder ein Kind wünschten.

 

Martina: Würdest du sagen: Die sympto-thermale Methode kann man sich selbst beibringen?


Sonja:

Ja, absolut. Mit dem Buch von Dr. Rötzer auf jeden Fall. Die Sprache ist für junge Frauen heute gewöhnungsbedürftig. Aber alles verständlich.

 

Martina:

Du bist jetzt in Rente und sagst, du hast Zeit! Das freut mich sehr! Denn gerade zum Thema "Zeit in der Gynäkologie" möchte ich dich fragen.

 

Mir fällt in der Beratung auf, dass Frauen immer wieder unter Druck geraten, dass jetzt etwas sein sollte, was noch nicht ist.

Sie stellen sich die Frage: Ist alles o.k. mit mir? Mit meinem Zyklus? Wird das, was ich gerade an mir beobachte oder wo ich Schmerzen habe „von alleine“ gut oder brauche ich ärztliche Hilfe? In welchen Bereichen kennst du diese Fragen?

 

Ja, manchmal schon vor der Menarche. Wenn die erste Blutung auf sich warten lässt. Es ist auch ein soziales Phänomen. Wenn alle Gleichaltrigen schon bluten und die junge Frau selbst noch nicht. Auch die Mutter wird unruhig, wenn ihre Tochter später die Menarche erlebt als sie selbst in ihrer Jugend.  Dann landen junge Mädchen schnell beim Frauenarzt und werden zur Zyklusregulierung mit der Pille behandelt, obwohl alles „in time“ ist. Die Ungeduld kann ich verstehen. Ein Mädchen möchte nichts anderes als „normal sein“.

Wichtig ist, den gesamten Körper anzusehen. Die Brustentwicklung zeigt sich eineinhalb bis zwei Jahre vor der Menarche. Dazu gehört die erste Entwicklung von Schamhaaren. Wenn man das in den Blick nimmt, kann man der Familie sagen: Es wird jetzt noch ein bis zwei Jahre dauern.

Auch der Zervixschleim, sog. Weißfluss geht der ersten Periodenblutung voraus.

Wenn man das dem Mädchen gut erklärt, lernt sie ihren Körper viel besser kennen.

 

Martina:

In welchen gynäkologischen Entscheidungen hilft Zyklusbeobachtung?

Und zwar so, dass man mit med. Eingriffen und Behandlungen zunächst warten kann.

 

Sonja:

Eine typische Situation ist es, wenn es um den Geburtstermin geht, und man eine Geburtseinleitung erwägt, weil die Schwangerschaft „über Termin“ sei. Wenn eine Frau Zyklusbeobachtung macht und sie dem Arzt zeigen kann, kann der Konzeptionstermin als Ausgangspunkt genommen werden. Sonst nur die letzte Periode. Bei langen Zyklen tritt die Schwangerschaft manchmal weit nach dem durchschnittlich angenommenen 14. Zyklustag ein. Natürlich wägt man ab: Befund am Muttermund und wie es dem Kind geht. Erleichternd ist auf jeden Fall, den Konzeptionstermin genau zu wissen. Und das ist möglich, wenn Zyklusbeobachtungen vorliegen.

 

Martina:

Wie ist es mit der Zeit beim Thema Kinderwunsch? Du hast von dir gesagt, du bist sehr schnell schwanger geworden, wenn ihr bereit wart. Das erleben viele Frauen und Paare anders.

 

Sonja:

Viele Frauen starten erstmal mit Verhütung und interessieren sich erst für ihren Zyklus, wenn es um Kinderwunsch geht. Durch die immer spätere Elternschaft ist das ein wichtiges Thema geworden. Auch wenn eine Frau schon ein oder mehr Kinder hat - wieviel Zeit kann sich eine Frau, ein Paar, hier geben? Der Druck ist manchmal hoch, weil man ja lange auf die Kinderwunschzeit hin gelebt hat und genaue Vorstellungen hat, wie die Familie aussehen soll. Dann kommt erst mal Ernüchterung und Enttäuschung, wenn es nicht gleich klappt.Wenn ein Paar zu mir kommt, möchte ich erstmal sehen, was der Zyklus nach längerer hormoneller Verhütung sagt. Danach erst setze ich Untersuchungen an.

Viele Paare werden tatsächlich schwanger, wenn die Frau mit Zyklusbeobachtung beginnt, v.a. wenn sie Zervixschleim kennenlernt. Für manche ist das eine wirkliche Entdeckung.

 

Was die Frau über sich lernt, lässt sich aus der Kinderwunschzeit „mitnehmen“ und nach der Geburt umgekehrt anwenden, sogar in der Stillzeit.

Die fruchtbaren Tage lassen sich sehr sicher bestimmen.

 

Martina: Ich möchte dich noch fragen, was Zysten mit dem Zyklus zu tun haben. Gibt es harmlose und nicht harmlose Zysten?


Sonja:

Es gibt funktionelle Zysten, die mit dem Zyklusablauf zusammenhängen. Eine Form ist die Follikelzyste. Sie entsteht in der Follikelreifungsphase. Die Frau beobachtet möglicherweise eine recht lange Schleimphase. Die Follikelzyste bildet Östrogene.

Die andere Form ist das sog. Corpus Luteum, der Gelbkörper. Er bildet Progesteron. Wenn er bestehen bleibt (persistiert), ist er als Zyste im Ultraschall gut zu sehen. Er entwickelt sich aus dem Follikel, es kommt aber nicht zur Ovulation. Wandelt sich der Follikel in einen Gelbkörper um, kommt es nach Ablauf der Gelbkörperphase zur Periodenblutung.

 

Diese beiden Formen von Zysten kommen und gehen mit der jeweiligen Zyklusphase. Man kann abwarten und beobachten, ob wieder eine echte Menstruation eintritt, d.h. eine Blutung, vor der eine Temperaturhochlage war. Progesteron sorgt für den Anstieg der Temperatur in der zweiten Zyklusphase.

Der Grund für diese funktionellen Zysten ist häufig Stress.

Bei Erklärung kann die Frau damit leben und abwarten. Anders, wenn die Zyste sehr groß ist (über 4-5cm) und Schmerzen macht, was sich meist in einem Spannungsgefühl äußert. Selten kann es bei einer größeren Zyste mal zu einer Stieldrehung kommen, die sich in einem heftigen Schmerz zeigt. Dann sollte notfallmäßig eine Laproskopie gemacht werden. Eine eingedrehte Zyste ist sehr leicht behandelbar. Die Zyste wird punktiert, entleert und der Eierstock zurückgedreht. Das wäre ein vergleichbarer Notfall wie beim Mann eine Hodentorsion. Das ist sehr heftig. Es sollte nicht zugewartet werden, da es sonst zu einer Mangeldurchblutung kommen kann.

 

Funktionelle Zysten enthalten nur klare Flüssigkeit.

Das ist sonographisch, also mit Ultraschall, gut zu differenzieren!


Eine andere Art von Zysten sind Dermoide. Sie enthalten dichtere Gewebestrukturen und werden von pluripotenten Zellen des Eierstocks gebildet. Das sind Zellen, aus denen sich unterschiedliche Körperzellen entwickeln können. So eine Zyste enthält meistens hautähnliche Zellen (Dermoid). Sie produzieren Talg, können Haare u.a. enthalten, sind aber harmlos und gutartig, Da sie nicht von alleine weg gehen, müssen sie aber operiert werden.

Dann gibt es auch Endometriosezysten. Sie sind homogener als Dermoide. Sie enthalten Endometriumzellen, die die zyklischen Veränderungen mitmachen. Sie wachsen in der Follikelphase und möchten in der Menstruation abbluten, wobei die Blutung in den Eierstock hinein geht. Dort entsteht dann eine Ansammlung von altem Blut, die mit jedem Zyklus etwas größer wird und schließlich eine Zyste bildet.

Meistens hilft: operieren und entleeren.

 

Entfernte Endometriome verbessern die Aussichten auf eine Schwangerschaft. Jeder operative Eingriff am Ovar kann aber auch das Ovar etwas schädigen und AMH reduzieren. AMH (=Anti-Müller-Hormon) zeigt die Fruchtbarkeitsreserve des Eierstocks an.

Sehr unangenehm sind Endometriose-„Inseln“ zwischen den Muskelzellen der Gebärmutterwand. Die betroffenen Frauen haben erhebliche Schmerzen. Die Gebärmutter krampft, kann das Blut aber nicht ausstoßen. Das sieht man nicht bei der Bauchspiegelung, auch nicht bei Gebärmutterspiegelung, nur im Ultraschall oder MRT.

 

Martina: Sehr häufig leiden Frauen unter PCO, dem polyzystischen Ovarsyndrom.


Sonja: Polyzystisch heißt viele Zysten (poly!). Die Follikel kommen nicht zur Ovulation und bilden viele kleine Zystchen im Eierstock.

Das ist gut mit Ultraschall zu diagnostizieren. Das Ultraschallbild ist zwar typisch, aber ist nur ein Teilaspekt. Im Zentrum steht eine metabolische Störung, eine Stoffwechselstörung in Form einer Insulinresistenz. Die Zyklusstörung ist nur ein Teilbereich. Weitere Bereiche sind Adipositas und Hirsutismus (männl. Behaarung).

Follikelreifung und Ovulation sind gestört. Der LH (luteinisierendes Hormon, das den Eisprung auslöst)-Peak kommt verspätet wegen der Insulinresistenz.

Zur Diagnostik werden auch Insulin und Blutglucose untersucht. Manchmal ist es sinnvoll eine spezialisierte endokrinologische Praxis aufzusuchen.

 

Medikamentös behandelt wird mit Metformin. Es bewirkt, dass der Körper besser auf das Insulin reagiert. Es wirkt der Insulinresistenz entgegen. Das ist die Behandlung der metabolischen Störung und wirkt sich auch auf die weiteren Symptome aus.

Es müssen nicht in allen drei Bereichen (ausgeprägte Behaarung, Zyklusstörung, Insulin und Fettstoffwechselstörung) gleichzeitig Symptome auftreten.

 

Hat die Frau Kinderwunsch, braucht sie einfach mehr Zeit. Wegen der oft verspäteten Ovulation hat sie einen verlängerten Zyklus und dadurch rechnerisch etwa ein Drittel weniger Zyklen pro Jahr. Das bedeutet auch weniger häufig die Chance, schwanger zu werden. Der Zervixschleim als Zeichen der Fruchtbarkeit kommt während des Zyklus oft sehr viel später als die Frau erwartet.

Mein Rat: Geduld, wirklich auf den Zervixschleim zu warten und die mutmaßlich fruchtbare Zeit dann auch nutzen. Der unerfüllte Kinderwunsch basiert oft auf der Unkenntnis, dass der Zervixschleim die fruchtbare Zeit anzeigt.

 

Ganz wichtig für die betroffene Frau: Sie ist eine normale Frau. Ihr Zyklus dauert vielleicht länger, ist aber trotzdem meistens ein vollwertiger Zyklus.

Es ergibt sich oft schon ein besserer Rhythmus durch Zyklusbeobachtung.

Außerdem hilft Magnesium. Ein sehr breit wirkendes Mineral, ein Antistressmineral. Magnesium kann Stress reduzieren und wirkt sich auf den Cortisonstoffwechsel aus. Cortisol spielt eine wichtige Rolle in der Synthese der Sexualhormone und hat dadurch Einfluss auf Östrogen und Testosteron.

Magnesium ist ungefährlich (Überdosierung führt zu Durchfall) und man kann erst mal abwarten.

Ich empfehle auch Agnolyt. Ein Mönchspfeffer-Präparat.

 

Martina: Danke Sonja! Das war jetzt eine Menge. Vielleicht gibt es eine Fortsetzung!?


Sonja:

Gerne!



Martina Knodt
Adolph-Kolping-Str. 5

91217 Hersbruck

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Zertifiziert für die sympto-thermale Methode zur Zyklusbeobachtung NER/J.Rötzer

 

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